Die Bessembinder-Studie zeigt, dass der Erfolg am Aktienmarkt extrem ungleich verteilt ist. In der 100-Jahres-Auswertung von 29.754 US-Aktien (1926 bis 2025) erzeugten nur 1.082 Titel — 3,72 Prozent — den gesamten Netto-Vermögenszuwachs von rund 91 Billionen US-Dollar; der Rest glich sich in etwa aus. Rund 60 Prozent der Aktien kosteten Langfrist-Anleger Geld, und die typische (Median-)Aktie brachte etwa minus 7 Prozent über ihre Lebensdauer. Ursache ist die Rechtsschiefe der Renditen: Wenige extreme Gewinner heben den Mittelwert weit über den Median. Daraus folgt: Wer nur wenige Einzelaktien hält, verpasst mit hoher Wahrscheinlichkeit die seltenen Vervielfacher und bleibt hinter dem Markt zurück. Die zuverlässige Konsequenz ist breite Streuung über einen Index, der den ganzen Markt abbildet und die künftigen Gewinner automatisch enthält.
Es gibt Studien, die bestätigen, was man ohnehin ahnt — und es gibt solche, die die Perspektive drehen. Die Arbeiten von Hendrik Bessembinder, Finanzprofessor an der Arizona State University, gehören zur zweiten Sorte. Sie stellen eine unbequeme Frage: Wenn der Aktienmarkt über ein Jahrhundert so viel Vermögen geschaffen hat — woher kam dieser Gewinn eigentlich? Die Antwort verändert, wie man über Einzelaktien nachdenken sollte.
Was Bessembinder untersucht hat
Die meisten Statistiken zeigen den Marktdurchschnitt. Bessembinder dreht die Perspektive um und fragt, wie der Erfolg auf die einzelnen Aktien verteilt ist. Für seine 100-Jahres-Auswertung One Hundred Years in the U.S. Stock Markets hat er die Buy-and-hold-Rendite von 29.754 US-Aktien über die gesamte Lebensdauer jeder Firma betrachtet — von 1926 bis 2025 — und den Beitrag jeder Aktie zum insgesamt geschaffenen Anlegervermögen in Dollar gemessen.
Das Ergebnis ist eindeutig — und ernüchternd
Der Markt als Ganzes hat über das Jahrhundert rund 91 Billionen US-Dollar an zusätzlichem Vermögen geschaffen. Auf Ebene der einzelnen Aktie aber sieht es düster aus:
- Rund 60 % der Aktien haben Langfrist-Anlegern über ihre Lebensdauer Geld gekostet.
- Die Median-Aktie — die typische Aktie in der Mitte — brachte etwa −6,9 %.
- Nur 1.082 Titel (3,72 %) erzeugten den gesamten Netto-Vermögenszuwachs des Marktes. Der Rest glich sich unterm Strich in etwa aus.
Die extreme Konzentration an der Spitze
Die eigentliche Pointe ist, wie eng es selbst innerhalb der Gewinner zugeht:
| Kennzahl | Ergebnis (1926–2025) |
|---|---|
| Aktien insgesamt | 29.754 |
| Netto-Vermögenszuwachs | ≈ 91 Billionen US-Dollar |
| Titel für den gesamten Netto-Gewinn | 1.082 (3,72 %) |
| Firmen für die Hälfte davon | nur 46 |
| Top 5 (Apple, Nvidia, Microsoft, Alphabet, Amazon) | zusammen 21,4 % |
Fünf Unternehmen tragen also mehr als ein Fünftel der gesamten Wertschöpfung eines Jahrhunderts. Solche Ausreißer sind aber genau das: seltene Ausnahmen, die man im Nachhinein kennt, im Voraus jedoch kaum trifft.
Warum die typische Aktie verliert: die Rechtsschiefe
Wie passt ein Rekord-Marktgewinn mit einer Mehrheit an Verlierer-Aktien zusammen? Der Grund ist die Rechtsschiefe der Renditen. Eine Aktie kann höchstens ihren vollen Wert verlieren — also 100 %. Nach oben ist sie theoretisch unbegrenzt: 500 %, 5.000 %, im Extremfall das Zehntausendfache. Ein paar solcher Vervielfacher heben den Mittelwert der Renditen weit nach oben, während die typische Aktie ihn nie erreicht. Deshalb ist der Median negativ, obwohl der Durchschnitt der Buy-and-hold-Renditen bei über 30.000 % liegt.
Was das für dein Depot bedeutet
Die verlockende Schlussfolgerung wäre: „Dann kaufe ich eben nur die 4 % Gewinner.” Der Kern der Studie ist gerade, dass sich diese Handvoll Ausnahme-Aktien im Voraus nicht zuverlässig vorhersagen lässt. Wer wenige Titel hält, hat die statistisch überwältigende Wahrscheinlichkeit, die entscheidenden Gewinner nicht dabei zu haben — und bleibt dann trotz steigendem Gesamtmarkt zurück.
Daraus zieht Bessembinder selbst eine nüchterne Konsequenz: Wenn ein paar kaum vorhersehbare Titel den ganzen Unterschied machen, ist die zuverlässigste Art, sie zu besitzen, möglichst viele Aktien gleichzeitig zu halten. Wer über einen breit gestreuten Welt-Index praktisch den ganzen Markt abbildet, hat die künftigen Gewinner automatisch im Depot. Die wenigen Vervielfacher ziehen das Ergebnis nach oben, einzelne Nieten fallen kaum ins Gewicht.
Das erklärt zugleich, warum schlecht gestreute Einzelwert-Strategien im Durchschnitt hinter dem Markt bleiben — und warum die Kostenfrage so zentral ist: Über einen breiten, günstigen Index bekommst du die Marktrendite nahezu geschenkt, während jeder Prozentpunkt Gebühr sie schmälert. Wie stark, zeigt der ETF-Kosten-Rechner.
Was die Studie nicht sagt
So klar das Muster ist — ein paar Einordnungen gehören dazu, gerade für anspruchsvolle Anleger:
- Aktien sind nicht „schlecht”. Der Markt hat gewaltiges Vermögen geschaffen; es ist nur ungleich verteilt. Das Argument richtet sich gegen konzentrierte Wetten, nicht gegen die Anlageklasse.
- Streuung beseitigt nicht das Marktrisiko. Auch ein breiter Index-ETF kann in Krisen deutlich fallen. Diversifikation senkt das Einzeltitel-Risiko, nicht das des Gesamtmarkts.
- Vergangenheit ist keine Zukunft. Historische Muster sind keine Garantie. Ob sich die Konzentration fortsetzt, ist offen.
- Es gibt seriöse Gegenstimmen. Verfechter aktiver Ansätze verweisen auf faktorbasierte Strategien oder besondere Kompetenz einzelner Anleger. Im Durchschnitt aber gelingt die dauerhafte Überrendite nachweislich den wenigsten — und wer scheitert, zahlt die Kosten trotzdem.
In Kürze
- Nur 1.082 von 29.754 US-Aktien (3,72 %) erzeugten den gesamten Netto-Gewinn seit 1926.
- Rund 60 % der Aktien kosteten Anleger Geld; die Median-Aktie brachte etwa −6,9 %.
- Ursache ist die Rechtsschiefe: wenige Vervielfacher tragen den Markt.
- Konsequenz: breit streuen statt raten — über einen Index besitzt du die Gewinner automatisch.
- Probier das 4-Prozent-Experiment aus und sieh den Effekt live.
Der Finanzprofessor Hendrik Bessembinder hat fast 30.000 US-Aktien über 100 Jahre ausgewertet. Das Ergebnis ist unbequem: Rund 60 Prozent der Aktien haben Langfrist-Anlegern Geld gekostet, die Median-Aktie liegt bei etwa minus 7 Prozent — und der gesamte Netto-Gewinn des Marktes stammt von nur 1.082 Titeln, also 3,72 Prozent. Der Grund ist die extreme Rechtsschiefe der Renditen: Eine Aktie kann höchstens 100 Prozent verlieren, aber theoretisch das Tausendfache gewinnen. Für die Praxis heißt das nicht, dass Aktien schlecht sind, sondern dass konzentrierte Einzelwetten statistisch fast immer die entscheidenden Gewinner verpassen. Wer über einen breiten Index den ganzen Markt hält, besitzt die künftigen Gewinner automatisch.
Häufige Fragen
Was besagt die Bessembinder-Studie in einem Satz?+
Der gesamte Netto-Gewinn des US-Aktienmarkts seit 1926 stammt von nur rund 4 Prozent der Aktien; die große Mehrheit der Einzeltitel hat Anlegern über ihre Lebensdauer kein Vermögen gebracht oder sogar Geld gekostet.
Heißt das, ich sollte gar nicht in Aktien investieren?+
Im Gegenteil. Der Aktienmarkt als Ganzes hat gewaltigen Wohlstand geschaffen — der Gewinn ist nur extrem ungleich verteilt. Die Studie ist ein Argument gegen konzentrierte Einzelwetten, nicht gegen die Anlageklasse Aktien. Über einen breiten Index bist du dabei, ohne die Gewinner erraten zu müssen.
Warum ist der Median negativ, obwohl der Markt stark gestiegen ist?+
Wegen der Rechtsschiefe: Eine Aktie kann maximal 100 Prozent verlieren, aber theoretisch unbegrenzt gewinnen. Die wenigen Vervielfacher heben den Mittelwert weit nach oben, während die typische Aktie darunter liegt. Deshalb kann der Median negativ sein, obwohl der Durchschnitt hoch ist.
Kann ich die 4 Prozent Gewinner nicht einfach heraussuchen?+
Das ist der Kern des Problems: Die künftigen Gewinner lassen sich im Voraus kaum zuverlässig vorhersagen. Vor 30 Jahren hätte kaum jemand Nvidia oder Apple auf ihrem heutigen Niveau erwartet. Wer es dennoch versucht, trägt das Risiko, die entscheidenden Titel zu verpassen — mit statistisch überwältigender Wahrscheinlichkeit.
Gilt das Muster auch außerhalb der USA?+
Ja. In einer Untersuchung von rund 64.000 Aktien aus 42 Ländern fanden Bessembinder und Kollegen dasselbe Muster: Nur ein kleiner Anteil der Firmen erzeugte den gesamten Netto-Vermögenszuwachs. Die Konzentration ist kein US-Sonderfall.
Unabhängig recherchiert. Manche Empfehlungen sind Partnerangebote (auch aus der MyWage-Gruppe) und werden gekennzeichnet. Inhalte dienen der Information und sind keine Anlage- oder Steuerberatung. Stand 24. Juli 2026.